Es ist bekannt, dass Haie in Salzwasser leben. Sicher gibt es so etwas Seltsames wie Flusshaie (wie der Gangeshai), die nur Süßwasser zu vertragen scheinen (aber erwiesenermaßen auch durch Salzwasser wandern). Aber alle anderen Haie leben ausschließlich im Ozean oder in Brackwasser-Kinderstuben, um ihre Jungen zu schützen, oder? Leider ist das falsch.

Denn es gibt den Bullenhai (Carcharhinus leucas). Auch wenn ihre Kinderstuben in Brackwasser liegen, vertragen ältere Bullenhaie sowohl einen hohen Salzgehalt als auch gar keinen, was sie befähigt, weltweit an tropischen bis subtropischen Meeresküsten sowie in Flüssen und Seen zu leben.


(Video S3 eines schwangeren Bullenhaies von Brunnschweiler J, Baensch H (2011). “Seasonal and Long-Term Changes in Relative Abundance of Bull Sharks from a Tourist Shark Feeding Site in Fiji“. PLOS ONE. DOI:10.1371/journal.pone.0016597. PMID 21346792. PMC: 3029404., CC by 2.5 )

Bullenhaie sind in der Lage, durch ihre Nieren, Kiemen, Leber und eine spezielle Drüse nahe des Schwanzes Salz zurückzuhalten (was eine stark erhöhte Produktion von hochverdünntem Urin erfordert und energetisch sehr anspruchsvoll ist). Dadurch überleben und sogar florieren sie in Süßwasser so weit flußaufwärts wie 3 800 km den Mississippi hinauf oder 4 200 km den Amazonas. Es gibt sogar eine Population von Bullenhaien im Nikaraguasee in Mittelamerika die anscheinend separat ist, aber Tagging bewies dass sie zwischen dem See und dem Karibischen Meer hin und her wandern und dabei 8 Stromschnellen überwinden. Seit einem Hochwasser in den 1990ern ist sogar ein Golfplatz-See in Queensland in Australien die Heimat von Bullenhaien.

Der Bullenhai ist eine kräftige Art mit kleinen Augen und einer stumpfen Schnauze (daher der Name) und einer durchschnittlichen Länge von 2,4 m (weiblich) und 2,25 m (männlich), aber es gibt eine einzelne Aufzeichnung von einem schwangeren weiblichen Exemplar von 4 m Länge in einem Afrikanischen Fluss. Ihre Geschlechtsreife scheint vom Ort abzuhängen und dauert bis zu 14-15 Jahre für Männchen und 18 Jahre für Weibchen. Bullenhaie sind ovovivipar wie andere Requiemhaie.

Als opportunistische Esser fressen Bullenhaie alles, von Fischen und anderen Haien (sogar kleinen Bullenhaien) zu Schildkröten, Vögeln, Delfinen und Landsäugetieren wie Hunden oder Nilpferden, aber auch Kadavern und (im Falle von Indischen Flüssen) Leichen. Sie müssen das tun (wie ober erwähnt), um im Süßwasser mit seinem nicht vorhandenen Salzgehalt und dem signifikant höheren negativem Auftrieb zu überleben. Im Meer kann ihr Stoffwechsel runtergefahren werden.

Basierend auf ihrem Lebensraum kommen Bullenhaie oft in Kontakt mit Menschen. In den klaren Gewässern der Bahamas z.B. haben Taucher regelmäßig Umgang mit Ansammlungen von Bullenhaien, ohne Probleme. Einige Forscher vermuten, dass dieses nicht-bedrohliche Verhalten daher kommt, dass die Haie die Menschen klar sehen können und erkennen, dass sie nicht typische Beutetiere sind. In trüberen Gewässern jedoch passieren Zwischenfälle, und Menschen werden gebissen und sterben manchmal daran. Einige Bullenhaie sind territorial und und haben praktisch keine Toleranz für Provokationen, was die Dinge auch nicht leichter macht.

Wegen seines Lebensraumes, aber auch seiner Größe, Stärke und Zähne gilt der Bullenhai bei manchen Experten als der gefährlichste Hai der Welt.  Wenn es so etwas wie einen Menschenfresser-Hai gibt, so wäre das der Bullenhai und nicht der Weiße Hai. Letzterer könnte vielmehr für viele Angriffe, die seiner Art zu Last gelegt werden (darunter die berühmten Haiangriffe in New Jersey im Jahre 1916, die als Inspiration für Der Weiße Hai gedient haben mögen) nicht verantwortlich sein, sondern der Bullenhai mit seinem nahezu identischem Gebiss. Es ist erstaunlich, dass es nicht mehr Zwischenfälle gibt, was nur bestätigt, dass sie nicht wirklich an uns interessiert sind und ein Angriff normalerweise nur ein Fehler ist.

Der Bullenhai wird als Beifang in Longline-Fischereien gefangen, aber öfter von kleinen Fischern für sein Fleisch, Flossen und Haut aufs Korn genommen, weil er so reichlich in ufernahen Gebieten und Flüssen vorhanden ist. Zusätzlich ist er ein populäres Ziel von Hobbyanglern. Wegen der Verschmutzung ihres Lebensraumes in flachen Küstengewässern, Flüssen und Seen und der Überfischung ihrer Kinderstuben haben die Zahlen von Bullenhaien signifikant abgenommen.

Quellen: hierhier, hier und hier

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